Den digitalen Nachlass zu Lebzeiten zu vorsorgen bedeutet: alle Online-Konten erfassen, Zugänge sicher hinterlegen, eine Vollmacht über den Tod hinaus aufsetzen und einer Vertrauensperson sagen, wo alles liegt. Wer das einmal ordnet, nimmt seinen Angehörigen im Ernstfall eine der zähesten und belastendsten Aufgaben ab.

Der Grund ist nüchtern. Ohne Zugangsdaten kommen Hinterbliebene an E-Mails, Fotos und Konten oft monatelang nicht heran — und manche Daten gehen für immer verloren. Mit ein paar Stunden Vorbereitung lässt sich genau das vermeiden. Diese Anleitung führt Schritt für Schritt durch die Vorsorge.


Warum jetzt: was die Vorsorge den Angehörigen erspart

Wer sich nicht kümmert, hinterlässt kein leeres Feld, sondern einen Berg. Im Schnitt hat ein Erwachsener heute über hundert Online-Konten — verteilt auf E-Mail, soziale Netzwerke, Cloud-Speicher, Banking, Bezahldienste und Dutzende Abonnements. Stirbt der Inhaber, wissen Angehörige meist nicht einmal, welche Konten existieren, geschweige denn, wie sie hineinkommen.

Was praktisch passiert, ist zermürbend. Plattformen geben Daten ohne Nachweis nicht heraus. Angehörige brauchen Sterbeurkunde, oft einen Erbschein, schreiben Support-Anfragen in Endlosschleifen, warten Wochen auf Antwort. Parallel laufen kostenpflichtige Abos weiter, weil niemand sie kennt. Und während all das läuft, sind dieselben Menschen mitten in der Trauer.

Der emotionale Teil wiegt schwerer als der bürokratische. Fotos in einer iCloud, auf die niemand mehr kommt. Ein Postfach mit der letzten Korrespondenz, das nach einer Inaktivitätsfrist automatisch gelöscht wird. Diese Dinge sind nicht ersetzbar. Vorsorge ist deshalb kein Verwaltungsakt, sondern ein Akt der Fürsorge: Sie entscheiden selbst, was bleibt und was geht — und ersparen den Menschen, die Sie lieben, das Rätselraten.


Bestandsaufnahme: erfassen, was es überhaupt gibt

Bevor irgendetwas geregelt werden kann, muss klar sein, was existiert. Niemand hat sein digitales Leben vollständig im Kopf — Konten entstehen über Jahre nebenbei und geraten in Vergessenheit.

Gehen Sie systematisch vor. Nehmen Sie eine Liste und ordnen Sie nach Kategorien: E-Mail-Postfächer (das wichtigste, weil über sie die meisten anderen Konten zurückgesetzt werden), soziale Netzwerke, Cloud-Speicher mit Fotos und Dokumenten, Online-Banking und Bezahldienste wie PayPal, kostenpflichtige Abonnements, Domains oder Webseiten, sowie die Geräte selbst mit ihren Entsperrcodes.

Ein praktischer Trick, um Vergessenes zu finden: Durchsuchen Sie Ihr Haupt-Postfach nach Begriffen wie “Willkommen”, “Ihre Registrierung” oder “Rechnung”. Fast jeder Dienst hat Ihnen einmal eine Bestätigungsmail geschickt. Der Kontoauszug der letzten zwölf Monate deckt zusätzlich jedes Abo auf, das Geld kostet. Diese Bestandsaufnahme ist der mühsamste Schritt — danach wird es leichter.


Eine sichere Liste anlegen: Passwort-Manager statt Zettel

Sobald die Konten erfasst sind, brauchen sie einen sicheren Aufbewahrungsort. Der handgeschriebene Zettel in der Schublade ist der naheliegende, aber schlechteste Weg: Er veraltet bei jedem Passwortwechsel, kann verloren gehen, verbrennen oder in falsche Hände geraten — und liegt im Zweifel ungeschützt offen.

Die bessere Lösung ist ein Passwort-Manager wie Bitwarden, 1Password oder KeePass. Das Prinzip: Alle Zugänge liegen verschlüsselt an einem Ort, gesichert durch ein einziges Hauptpasswort. Die Liste hält sich von selbst aktuell, weil neue Passwörter direkt gespeichert werden. Sie müssen sich genau einen Schlüssel merken statt hundert.

Für die Vorsorge entscheidend ist die Notfallzugang-Funktion. Viele Manager erlauben es, eine Vertrauensperson zu benennen, die im Ernstfall Zugriff anfordern kann — der Zugang wird nach einer von Ihnen gesetzten Wartefrist freigegeben. Damit ist das Problem gelöst, wie der Hauptschlüssel weitergegeben wird, ohne dass die Person ihn zu Lebzeiten kennt. Wo das nicht eingerichtet ist, hinterlegen Sie das Hauptpasswort separat und versiegelt an einem sicheren Ort. Wie Angehörige im Todesfall mit bestehenden Konten umgehen, beschreibt unser Ratgeber Digitalen Nachlass regeln ausführlich.


Eine Vollmacht über den Tod hinaus formulieren

Zugangsdaten allein reichen rechtlich nicht. Damit eine Vertrauensperson Ihre Konten verwalten, kündigen oder löschen darf, braucht sie eine Vollmacht — und zwar eine, die über den Tod hinaus gilt. Ohne sie müssen Angehörige auf den Erbschein warten, was Wochen oder Monate dauern kann.

Eine solche digitale Vorsorgevollmacht muss nicht kompliziert sein, aber bestimmte Dinge enthalten. Sie nennt die bevollmächtigte Person ausdrücklich mit vollem Namen. Sie erwähnt digitale Konten und Daten ausdrücklich — eine allgemeine Vollmacht wird von Plattformen oft nicht akzeptiert. Sie formuliert, dass die Vollmacht “über den Tod hinaus” gilt. Und sie trägt Ort, Datum und Ihre Unterschrift.

Ein häufig übersehener Punkt: Eine Vollmacht erlischt nicht automatisch, sie kann aber jederzeit widerrufen werden, solange Sie leben. Sie behalten also die Kontrolle. Für reine digitale Angelegenheiten genügt in der Regel die Schriftform. Geht es zugleich um größere Vermögenswerte oder Immobilien, ist eine notarielle Beglaubigung sinnvoll. Wer bereits eine Vorsorge- oder Patientenverfügung besitzt, kann den digitalen Teil dort als Ergänzung anhängen.


Vertrauensperson benennen und Plattform-Werkzeuge nutzen

Eine Vollmacht ist nur so gut wie die Person, die sie ausführt. Wählen Sie jemanden, der zuverlässig ist, technisch nicht überfordert und im Ernstfall tatsächlich erreichbar — oft der Partner, ein erwachsenes Kind oder ein enger Freund. Sprechen Sie mit dieser Person. Sie muss wissen, dass sie benannt ist, was von ihr erwartet wird und wo die Unterlagen liegen. Eine Vollmacht, von der niemand weiß, hilft niemandem.

Zusätzlich bieten die großen Plattformen eigene Vorsorge-Werkzeuge an, die unabhängig von Passwörtern funktionieren. Sie zu aktivieren dauert je wenige Minuten:

  • Google Kontoinaktivität: Im Konto unter “Daten & Datenschutz” legen Sie fest, dass nach einer bestimmten Zeit ohne Anmeldung — etwa drei oder sechs Monate — ausgewählte Daten an eine benannte Person gehen oder das Konto gelöscht wird. Weil Google für viele die zentrale E-Mail ist, ist dies eines der wirksamsten Werkzeuge überhaupt.
  • Apple Nachlasskontakt: In den iPhone-Einstellungen unter Ihrem Namen und “Anmeldung & Sicherheit” benennen Sie eine Person, die nach Ihrem Tod mit Sterbeurkunde und einem Zugriffsschlüssel an Ihre iCloud-Fotos und -Daten kommt.
  • Facebook und Instagram Gedenkkontakt: Sie bestimmen, ob Ihr Profil nach dem Tod in einen Gedenkzustand versetzt oder gelöscht wird, und wer es betreuen darf.

Diese Werkzeuge greifen ausschließlich, wenn Sie sie zu Lebzeiten einrichten. Danach laufen sie ohne weiteres Zutun.


Festlegen, was gelöscht und was bewahrt werden soll

Vorsorge ist nicht nur Zugang, sondern auch Entscheidung. Ohne Ihre Vorgabe muss die Vertrauensperson im Trauerfall raten, was Sie gewollt hätten — eine Last, die niemand tragen will. Nehmen Sie ihr diese Entscheidung ab.

Gehen Sie Ihre Liste durch und notieren Sie pro Konto eine knappe Anweisung. Das Postfach: löschen oder erst sichern. Das Social-Media-Profil: in den Gedenkzustand oder ganz entfernen. Die Foto-Cloud: an die Familie übergeben. Das Banking: kündigen, sobald geklärt. Es geht nicht um Vollständigkeit bis ins letzte Detail, sondern um eine klare Richtung bei dem, was Ihnen wichtig ist.

Den Erinnerungen sollten Sie besondere Aufmerksamkeit schenken. Fotos, Videos und Sprachnachrichten, die nur in einer Cloud liegen, sind besonders gefährdet — sie verschwinden, wenn das Konto gelöscht wird. Sichern Sie das Wertvollste jetzt zusätzlich an einem Ort, der nicht von einem einzelnen Login abhängt: eine externe Festplatte, ein Familienarchiv. Manche Menschen führen die wichtigsten Erinnerungen schon zu Lebzeiten an einem dauerhaften, für die Familie zugänglichen Ort zusammen — etwa auf einer digitalen Gedenkseite wie der von Lichthain, die unabhängig von einzelnen Plattform-Konten besteht. Das ist eine Möglichkeit unter mehreren, aber eine, die das Vergänglichste schützt.


Alles auffindbar hinterlegen

Die beste Vorsorge nützt nichts, wenn sie niemand findet. Der letzte Schritt ist zugleich der einfachste und der am häufigsten vergessene: alles an einen Ort bringen, den die Vertrauensperson im Ernstfall tatsächlich erreicht.

Fassen Sie die Bausteine zusammen — Hinweis auf den Passwort-Manager und sein Hauptpasswort, die Vollmacht, die Liste der Konten mit Ihren Löschen-oder-Bewahren-Anweisungen. Legen Sie das an einen festen Platz: einen beschrifteten Ordner zu Hause, ein Bankschließfach oder eine Hinterlegung beim Notar. Wichtig ist nicht der perfekte Ort, sondern dass mindestens ein Mensch weiß, wo er ist und wie der Zugang funktioniert.

Planen Sie eine kurze jährliche Durchsicht ein — etwa gekoppelt an einen festen Termin wie den Jahreswechsel. Konten kommen hinzu, andere verschwinden. Zehn Minuten im Jahr halten die Vorsorge aktuell und sorgen dafür, dass sie im Ernstfall wirklich trägt. Wie der praktische Ablauf aussieht, wenn ein Konto tatsächlich aufgelöst werden muss, zeigt unser Artikel Konto eines Verstorbenen löschen.


Häufige Fragen

Was gehört alles zum digitalen Nachlass?

Dazu zählen alle Online-Konten und digitalen Güter: E-Mail-Postfächer, Social-Media-Profile, Cloud-Speicher mit Fotos, Online-Banking, Bezahldienste, Abonnements, Domains sowie die Daten auf Computer und Smartphone. Auch kostenpflichtige Verträge wie Streaming oder Hosting gehören dazu, weil sie sonst unbemerkt weiterlaufen.

Reicht eine Passwortliste auf Papier aus?

Eine Liste auf Papier ist besser als nichts, veraltet aber schnell und kann verloren gehen oder gestohlen werden. Sicherer ist ein Passwort-Manager mit Notfallzugang, der die Daten verschlüsselt und automatisch aktuell hält. Das Hauptpasswort hinterlegen Sie separat an einem sicheren Ort für die Vertrauensperson.

Was ist eine Vollmacht über den Tod hinaus?

Sie berechtigt eine Vertrauensperson, Ihre digitalen Konten auch nach Ihrem Tod zu verwalten, ohne auf den Erbschein warten zu müssen. Sie sollte die Person ausdrücklich nennen, digitale Konten einschließen und schriftlich mit Datum und Unterschrift vorliegen. Solange Sie leben, können Sie sie jederzeit widerrufen.

Was passiert mit meinem Google- oder Apple-Konto nach dem Tod?

Google bietet den Kontoinaktivitäts-Manager, der nach längerer Inaktivität ausgewählte Daten an eine benannte Person weitergibt oder das Konto löscht. Apple kennt den Nachlasskontakt, Facebook und Instagram den Gedenkzustand. Diese Werkzeuge wirken nur, wenn Sie sie zu Lebzeiten einrichten.

Wo bewahre ich meine digitale Vorsorge am besten auf?

Die Unterlagen gehören an einen Ort, den die Vertrauensperson kennt und im Ernstfall erreicht: ein beschrifteter Ordner zu Hause, ein Bankschließfach oder eine Hinterlegung beim Notar. Wichtig ist nicht der perfekte Ort, sondern dass mindestens ein Mensch weiß, wo alles liegt und wie der Zugang funktioniert.